Ein echter Unkraut- und Streuobstgourmet

  • Mutter von 2 Männern in spe
  • Diplombiologin
  • Streuobst-Pädagogin
  • UNESCO Geo-Naturpark-vor-Ort-Begleiterin
  • Legasthenietrainerin, Lerndidaktikerin (salopp: Lerntherapeut)
  • Naturschützerin mit grünem Daumen, roten Herz und im Winter gelegentlich blauen Lippen
  • einst begeistete Bloggerin, heute begeisteter Mensch im direkten Mensch-zu-Mensch-Kontakt

Kirschernte, Apfelsaftpressen, Bäume schneiden, Wiesen sensen, Kinder für Blümchen und Bienchen begeistern, Eltern zu FSME aufklären, neue Flächen suchen, Schulen kontaktieren,  Fragen von Kitas beantworten, Multiplikatoren finden, Sponsoren suchen, Verwaltungkram und Internetpflege, Events veranstalten, Messen organisieren, Schnittgeräte reparieren, Holz für Nistkästen und Insektenhotels organisieren und die Bohrer schleifen, mit Kindern backen, das Wiesenkräuter-Frühstück organisieren und einkaufen, Führungen und Veranstaltungen für den UNESCO-Geopark durchführen, an Freiwilligeneinsätze bei diversen Projekten am badischen Blütenweg teilnehmen, meinen eigentlichen Beruf als Lerntherapeutin nachgehen und zwischendurch die eigene Familie bespaßen, und das alles mit dem Fahrrad. Nein, langweilig ist mir nicht. Und wenn doch, dann lege ich mich einfach mal auf die Streuobstwiese und genieße die Natur, am liebsten mit einem Fotoapparat in der einen und dem Schmeil&Fitschen in der anderen Hand.

 

Doch in erster Linie bin ich Familienmensch und Mutter von zwei Männern in Spe.

In zweiter Linie kommt das oben aufgezählte und meine gelebte Leidenschaft als Biologin für alles das kreischt, schleimt, fliegt oder Beine hat. Als Botanikerin begeistere ich mich sogar für alles was brennt, sticht, Grasflecken verursacht oder Pusteln hervorruft. Natürlich darf es auch mal hübsch aussehen und gut riechen. Auf meiner Terrasse wohnen gehörte Mauerbienen neben Brennnesseln, im Ofen backt die Giersch-Quiesch und ich bin jede freie Minute draußen in der Natur. Drinnen fühle ich mich nie lange wohl. Ähnlich geht es da wohl unserer 16-beinigen Meerschweinchenbande. Die freut sich über Heu von der Wiese und frisst alles ratze putz kahl.

 

Das Wichtigste sind jedoch unsere Kinder. Alle Kinder. Da meine eigenen eine schwere Lese-Rechtschreib-Schwäche hatten, hing ich damals meinen alten Beruf an den Nagel und wurde Lerntherapeutin. Schnell zeigte sich, dass Lerntherapie und Natur entspannter zum Erfolg führen, als wenn man an einen Tisch vor dem Papier übt. Seid dem bin ich nachmittags in der Lerntherapie im JUMP in Ladenburg tätig und weil ich weiß, wie wichtig es für Kinder ist, draußen aktiv zu sein, nahm ich die Gelegenheit 2015/2016 beim Schopfe, als der Landschaftserhaltungsverband Rhein-Neckar e.V. die ersten Streuobst-Pädagogen der Region ausbildete und wurde eine solche.  Das Konzept Streuobst-Natur-Lerntherapie geht auf. Äpfel mit Birnen zu vergleichen, ist nur die erste Stufe der Sinnesschulungen, wahre Meister dürfen sich als Pomologen versuchen. Die Kinder haben Spaß daran und optisches Differenzieren wird dabei genauso angesprochen wie die Haptik, der Geruchs- und der Geschmackssinn beim Durchprobieren. Nebenbei lernt man etwas über Sortenvielfalt, Heimatkunde und Ernährung und alles ohne ein einziges Blatt Papier, ohne Stift, ohne Buch. Einfach und mit allen Sinnen. Kein Wunder also, das die Streuobst-Projekte bei den Kindern gut ankommen. Sogar AD(H)S-Kinder sind in der Natur -fast- nicht auffällig.

 

Da mein Mann als Geo-Naturpark-Ranger unterwegs ist, ist der Weg zum Geo-Naturpark-vor-Ort-Begleiter für mich nicht weit gewesen. Boden und Gestein sind neben Sonnenlicht und Wasser die Grundlage allen Leben. Und weil ich kurze Wege mag, arbeite ich lieber regional, denn ich halte nicht viel davon, für die Natur ins Auto zu steigen, und schon gar nicht wegen des Geldes. Eine Ausnahme mache ich bei den Veranstaltungen am Kühkopf, weil das für mich wie "Urlaub" ist, den ich sonst nicht habe, auch wenn alle denken, das meine Arbeit doch total entspannend ist. Ist sie, aber auch kräftezehrend. Alles was geht, mache ich mit dem Fahrrad und meinen Fahrradanhänger - aus Prinzip, als Vorbild, aus Verantwortungsbewusstsein heraus. Oft werde ich darauf von den Kindern angesprochen und hoffe, das ich durch mein Vorleben bei dem einen oder anderen einen Denkanstoß setzte. Autofahren ist mir in unserer Gesellschaft eine viel zu große Selbstverständlichkeit geworden, genau so wie unsere 365-Tage im Jahr verfügbaren Supermarktäpfel. Das kann auf Dauer nicht gut sein und gut gehen. 

 

Finanziell leben wir bescheiden. Man wird nicht reich in der Naturpädagogik - und ich möchte mich auch nicht an der Natur bereichern -  aber immerhin wird man sehr glücklich, solange das nötigste vorhanden ist. Daher freue ich mich immer, wenn das, was ich tue, auch finanziell honoriert wird.

Auch habe ich über 3 Jahre einen Blog geführt: Unkrautgourmet.de. Noch heute suchen Naturbegeisterte sich hier Anregungen und Rezepte rund ums Grünzeug heraus, was mich riesig freut. Es kommen immer mal wieder Nachfragen: "Sindy, wann machst du da weiter?" und ich muss muss leider sagen: ich weiß es nicht. Aktuell ist mir das Internet nicht mehr so wichtig. Mir liegen die Menschen, mit denen ich Tag täglich in Kontakt komme, viel mehr am Herzen, mir ist es viel wichtiger, die Kinder vor der Haustüre für die Natur zu begeistern, weil ich hier unmittelbar sehen kann, welche Auswirkungen das hat, was ich verbessern kann, wie ich noch mehr Begeisterung wecken kann. Die digitale Welt des Internets kann nur ein Anstoß sein, aber wirklich bewirken kann man nur von Mensch zu Mensch etwas. Ich denke, dass ist auch der Schlüssel zur Zukunft: Wieder vor der Haustür anzufangen, zur Keimzelle zu werden für die notwendigen Veränderungen, wenn die Politik in Berlin versagt und die Weltwirtschaft aus Geldgier heraus den Globus ausbeutet. Sei der Wandel den du dir wünschst. Der erste Schritt führt immer - vor die Haustür.